Lieber Werner,
ich war erst neunzehn, als ich 2010 meinen Zivildienst bei euch angefangen habe, und ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Ich kam aus einem kleinen Dorf, war nie wirklich mit Krankheit oder Tod konfrontiert worden, und plötzlich stand ich da in diesem Krankenhaus, umgeben von Menschen, die litten. Die ersten Wochen waren hart – ich war unsicher, hatte Angst, etwas falsch zu machen, und fühlte mich oft überfordert. Aber dann hast du mich zu dir ins Büro gerufen. Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht, aber stattdessen hast du mir einen Kaffee angeboten und mich gefragt, wie es mir wirklich geht. Du warst der Pflegedienstleiter, du hattest Hunderte von Mitarbeitern unter dir, aber du hast dir Zeit für mich genommen – für einen nervösen Zivildienstleistenden, der kaum wusste, wie man ein Bett richtig bezieht.
Du hast mir damals erzählt, wie du selbst mit sechzehn angefangen hast, dass auch du am Anfang Zweifel hattest, ob du dem gewachsen bist. "Die Arbeit hier wird dich verändern", hast du gesagt, "aber nur, wenn du dich darauf einlässt. Sieh in jedem Patienten einen Menschen mit einer Geschichte, und du wirst merken, dass du nicht nur hilfst, sondern auch selbst beschenkt wirst." Das klang damals ziemlich philosophisch für mich, aber im Laufe der Monate habe ich verstanden, was du gemeint hast. Du hast mir beigebracht, wirklich hinzuschauen, zuzuhören, nicht nur Aufgaben abzuarbeiten. Ich erinnere mich an einen alten Herrn, Herr Paulsen, der immer so grummelig war, bis ich eines Tages mit ihm über seinen früheren Beruf als Schiffsbauer gesprochen habe. Plötzlich öffnete er sich, erzählte Geschichten, lachte. Du bist später vorbeigekommen und hast mir zugenickt – ich wusste, dass du gesehen hattest, was passiert war.
Als mein Zivildienst 2011 zu Ende ging, hast du mich noch einmal zu dir gerufen und mir eine Empfehlung für mein Pflegestudium geschrieben. Du hast gesagt, ich hätte das Zeug dazu, ein guter Pfleger zu werden, und dass die Welt Menschen braucht, die sich kümmern. Das hat mich damals unglaublich berührt und mir den Mut gegeben, diesen Weg wirklich einzuschlagen. Ohne dich wäre ich vermutlich in irgendeinen Bürojob gegangen, aber du hast mir gezeigt, dass Pflege nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Berufung. Du hast mir auch erzählt, wie wichtig es ist, sich nicht selbst zu vergessen – von deinen Spaziergängen mit Ingrid und Max, von deiner Arbeit im Garten, wo du abschalten und neue Kraft schöpfen konntest. Diese Balance zu finden war eine der wichtigsten Lektionen.
Werner, du warst für mich mehr als ein Chef oder Mentor – du warst ein Vorbild und ein Wegweiser in einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wohin mein Leben gehen sollte. Heute arbeite ich selbst als Krankenpfleger, und jeden Tag versuche ich, das weiterzugeben, was du mir beigebracht hast: Respekt, Mitgefühl und die Überzeugung, dass jeder Mensch es verdient, gesehen und gehört zu werden. Ich werde dich nie vergessen. Danke für alles, was du mir gegeben hast.